Fluorchinolone

Nebenwirkungen

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Teil 1 - Einfluss von Alter und Geschlecht auf die Anfälligkeit für Fluorchinolon-Nebenwirkungen

Aktualisiert: Mai 17

Der Verein zur Aufklärung über die Nebenwirkungen von Fluorchinolon-Antibiotika (FC) initiierte im Jahre 2019 eine Online-Patientenbefragung mit dem Ziel, die Zusammenhänge zwischen der Einnahme von FC und deren Nebenwirkungen besser zu verstehen. Die Umfrage richtete sich ausschliesslich an Patienten mit schweren und/oder dauerhaften FC-Nebenwirkungen. Die Betroffenen wurden vorwiegend über einschlägige soziale Foren zur Teilnahme an der Befragung eingeladen. Von insgesamt 411 Befragten haben 262 den Fragebogen vollständig und korrekt ausgefüllt.


Die Ergebnisse und Auswertungen der Befragung sollen in regelmässig erscheinenden Blog-Beiträgen auf dieser Webseite publiziert und diskutiert werden. Im folgenden ersten Beitrag geht es um die Frage nach dem Einfluss von Alter und Geschlecht auf die Anfälligkeit für FC-Nebenwirkungen.



Einfluss von Alter auf die Anfälligkeit für Fluorchinolon-Nebenwirkungen

Eine der wichtigsten Fragen in Zusammenhang mit FC-Therapien ist diejenige nach den Ursachen und Risikofaktoren für schwere und lang anhaltende FC-Nebenwirkungen. Ein von Ärztinnen und Ärzten oft genannter Risikofaktor ist das Alter. Laut Angaben der Pharma-Hersteller und Warnungen der Arzneimittelbehörden besteht vor allem bei Patienten über 60 Jahre ein erhöhtes Risiko für Sehnenschäden und muskuloskelettale Erkrankungen. Diese Annahme hat zur Folge, dass gerade bei jüngeren Patientinnen und Patienten die Kausalität zwischen der Einnahme von FC und schweren körperlichen Nebenwirkungen in Abrede gestellt wird.


Die folgende Tabelle zeigt die Altersverteilung der Umfrage-Teilnehmer und betroffenen Patienten. Beinahe die Hälfte der Teilnehmer (48%) fällt in die Altersgruppe der 45 bis 59-Jährigen. Nur 13% der befragten Patienten sind über 60 Jahre alt, während 39% der Befragten jünger als 45 Jahre sind.




Beim Vergleich der Altersverteilung von Personen mit Sehnen- und muskulären Beschwerden mit dem Alter von Patienten ohne vergleichbare Beschwerden fällt auf, dass die Gruppe der 45- bis 59-Jährigen am häufigsten von Sehnen- und muskulären Beschwerden betroffen ist. Die über 60-Jährigen sind gleich oft betroffen wie die 35- bis 44- Jährigen. Im Durchschnitt leiden 90% aller Betroffenen unter muskuloskelettalen Beschwerden unabhängig von ihrem Alter. Zu den durch FC-Antibiotika häufig verursachten muskuloskelettalen Beschwerden gehören Sehnenrisse, Sehnenentzündungen, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Schleimbeutelentzündung, Sehnenscheidenentzündung und Sehnenverkürzungen.





Im Vergleich zu anderen FC-induzierten Beschwerden sind weitaus weniger Patienten von Bindegewebserkrankungen betroffen. Aber auch hier fällt auf, dass gerade die mittlere Altersgruppe (35 – 44 Jahre) am häufigsten von diesem FC-typischen Beschwerdebild betroffen ist (61%). Der Anteil der betroffenen Patienten mit Bindegewebsstörungen steigt nicht mit zunehmenden Alter. Zu den Bindegewebsstörungen gehören der Abbau und die strukturelle Veränderung des Bindegewebes (Haut, Sehnen, Bänder, Knorpel, Gefässwände, Kapseln, Dentin), eine schnelle und extreme Hautalterung, Aneurysmen und Arterienrupturen, Abbrechen von Zähnen, Arthrose sowie Wundheilungsstörungen.




Der Anteil der Patienten mit FC-induzierten psychischen Beschwerden und Nebenwirkungen ist bei allen Altersgruppen etwa gleich hoch und beträgt im Schnitt 69%.



Fazit


Auch wenn die absoluten Zahlen zur Altersverteilung der Umfrageteilnehmer ohne Kenntnis der Referenzgruppe und somit ohne komparativen Bezugsgrösse wenig aussagekräftig sind, gibt es eine grundlegende Erkenntnis aus der Umfrage: es können Patienten jeglichen Alters von schweren physischen, neurologischen und psychischen Nebenwirkungen und Beschwerden betroffen sein können.


Interessant ist vor allem die Erkenntnis, dass nicht nur die Gruppe der über 60-Jährigen unter Sehnenentzündungen und -schmerzen leidet. Es sind vor allem die mittleren Altersgruppen, die Beschwerden und Einschränkungen im muskuloskelettalen Bereich aufweisen. Somit stimmen die Risikobeurteilungen der Pharma-Hersteller sowie die Meinungen vieler Ärzte, wonach nur bei älteren Patienten ein Risiko für Sehnenentzündungen und –rupturen besteht, nicht mit den Ergebnissen dieser Umfrage und den Berichten zahlreicher Betroffener überein.


So sind es gerade jüngere und sportlich aktive Patienten, die unter chronischen und schweren Sehnen- und muskulären Beschwerden als Folge einer FC-Therapie leiden. Es ist nicht auszuschliessen, dass aktive Menschen eine physische Beeinträchtigung intensiver und einschränkender wahrnehmen als ältere Menschen. Aber auch das reicht als Erklärung nicht aus. Es ist deshalb davon auszugehen, dass das Alter keinen signifikanten Einfluss hat auf die Anfälligkeit für muskuloskelettale FC-Beschwerden. Die Gründe für eine erhöhte Anfälligkeit sind vielmehr in den genetischen Voraussetzungen, Grunderkrankungen und Kontraindikationen zu suchen.


Einfluss von Geschlecht auf die Anfälligkeit Fluorchinolon-Nebenwirkungen

Zwar sind fast 70% der Umfrage-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer weiblich. Dennoch eignet sich diese Zahl nicht als ausreichende Erklärung für eine erhöhte Anfälligkeit von weiblichen Patientinnen für schwere und chronische FC-Nebenwirkungen.




Die Ursache für den hohen Anteil weiblicher Patientinnen an der Gesamtzahl aller Teilnehmer ist vielmehr in den Indikationen für eine FC-Therapie zu suchen. Als Indikation bezeichnet man den Grund für den Einsatz eines Medikamentes zur Behandlung eines konkreten Krankheitsbildes. Die am häufigsten genannte Indikation für eine Ciprofloxacin-Therapie ist mit 42% die unkomplizierte Harnwegsinfektion. Zusammen mit der komplizierten Harnwegsinfektion (6%) macht das fast die Hälfte aller Indikationen aus. Da vornehmlich Frauen von (chronischen) Harnwegsinfekten betroffen sind, vermutet man darin auch die Begründung für den hohen Frauenteil unter den Betroffenen. Es ist davon auszugehen oder zumindest zu hoffen, dass FC aufgrund der neuen ärztlichen Leitlinien zukünftig nicht mehr bei unkomplizierten Infektionen verordnet werden und somit der Frauenanteil unter den Betroffenen sinkt.



Hier geht es zu Teil 2 des Auswertung der Online-Befragung von Betroffenen: "Lokalisierung von FC-induzierten Beschwerden"